15 Dezember 2014

Was Anna euch erzählen möchte…

Eine denkwürdige Begegnung im AWO Frauenhaus 

Mein Name ist Anna, ich bin 11 Jahre alt. Seit 3 Wochen wohne ich mit meiner Mutter und meinem 5 Jahre alten Bruder Anton im Frauenhaus Schaumburg. Vorher haben wir zusammen mit Papa in Bad Nenndorf gelebt.

Papa hat immer öfter Schnaps getrunken und dann mit Mama gestritten. Er hat sie angeschrien, hässliche Wörter gesagt und er hat sie häufig geschlagen. Ein paarmal habe ich versucht Mama zu helfen, aber dann hat Papa mich auch angeschrien, er hat mich weggeschubst. Mama hat dann geweint und mir gesagt, ich solle mich mit Anton im Kinderzimmer verstecken, wenn Papa wieder einmal ausrastet. Wir haben dann dort gesessen und geweint, weil wir Angst hatten.

Nie wussten wir, ob Papa betrunken nach Hause kommt und es war ja auch keiner da, der uns geholfen hätte. Später im Frauenhaus habe ich dann gelernt, dass man das „Häusliche Gewalt“ nennt, wenn man sich im eigenen Zuhause nicht mehr sicher, nicht mehr zuhause fühlen kann.

Vor 3 Wochen war Papa wieder betrunken und hat auf Mama eingeprügelt. Der Streit war so laut, dass unsere Nachbarn die Polizei gerufen haben. Die Polizei hat Papa dann mitgenommen. Er durfte dann nicht mehr in unsere Wohnung kommen.  Mama hat trotzdem gesagt, sie möchte irgendwohin, wo wir sicher sind, denn sie wisse ja nicht, ob Papa nicht doch wieder bei uns eindringen werde. Die Polizei hat dann im Frauenhaus angerufen und dort hatten sie ein Zimmer für uns frei.

Hier im Frauenhaus fühlen wir uns endlich sicher, denn Papa weiß nicht, wo wir sind. Auf der einen Seite bin ich traurig, dass ich Papa nicht mehr sehen kann, aber ich bin auch froh, dass ich keine Angst haben muss und  das er Mama nicht mehr schlägt. 

Mama, Anton und ich haben hier ein Zimmer für uns. Auf unserer Etage sind noch zwei andere Räume und das Spielzimmer. Neben uns wohnt Tanja mit ihrem Baby,  mit ihr teilen wir uns die Küche und das Bad. Im Spielzimmer gibt es eine Puppen-ecke und einen Bauteppich und viele andere Spielsachen. Das müssen wir uns mit den Kindern aus der oberen Etage teilen. Denn dort sind nochmal fünf Zimmer, in denen Frauen mit ihren Kindern wohnen.

Mit Ali und Juri von oben kann mein Bruder Anton schön spielen. Ich helfe Tanja gerne mit ihrem Baby oder bastele etwas für die Fenster im Wohnzimmer. Ja, das Wohnzimmer, das ist für uns alle da. Dort steht auch ein Fernseher und es gibt auch Fernsehzeiten für Kinder.

Wenn Mama zum Jobcenter muss oder zum Jugendamt, dann passt Tanja auf uns auf oder eine Mitarbeiterin. Wir haben es geschafft, alles was wir brauchen, von Zuhause mitzunehmen, sogar meine Schulsachen.

Tanja musste ganz plötzlich von Zuhause weg und konnte  n i c h t s  mitnehmen. Zum Glück gibt es im Frauenhaus jedoch Kleidung für Tanja, wie auch für das Baby, denn sie konnte sich nichts kaufen.

Wenn schönes Wetter ist, bauen wir Kinder mit Sabine – das ist eine Mitarbeiterin – im Garten die Sachen der Bewegungsbaustelle auf. Das sind Kästen, Bretter und Rollen, die wir immer wieder unterschiedlich zu einem „Abenteuerspielplatz“ aufbauen können. Wir balancieren, rutschen, verstecken uns in Kästen und spielen Löwe.  Der Garten ist sehr schön, hat auch eine Schaukel und einen großen Sandkasten.

In den Ferien gibt es besondere Aktionen, so sind wir zum Beispiel nach Steinhude gefahren und haben ein Picknick auf der Badeinsel gemacht. Neulich waren wir mit Doris und Ulrike im Zoo Hannover, da waren auch unsere Mamas mit. Nach den Ferien werde ich in eine neue Schule gehen und Anton in einen neuen Kindergarten.

Mama hat vor einer Woche mit uns geredet. Sie möchte nicht zurück nach Bad Nenndorf zu Papa, sie möchte lieber hier in der Nähe eine Wohnung suchen, in der wir drei alleine wohnen können. Bei der Wohnungssuche wird uns vom Frauenhaus geholfen. Die Mitarbeiterinnen werden uns da auch ab und zu besuchen und uns helfen.

Anton und ich sind damit einverstanden, dass wir hier in der Nähe in eine neue Wohnung ziehen. Denn wir können ja, wenn wir möchten, mit Papa wieder Kontakt aufnehmen. Das muss jedoch vorher mit dem Jugendamt besprochen werden. Tanja hat gerade erzählt, dass sie für sich und ihr Baby auch eine neue Wohnung sucht. Wir könnten uns ja dann gegenseitig besuchen. Das fände ich cool.

Anna gibt es in Wirklichkeit nicht, sie wurde von uns erfunden. Die Geschichte, die Anna jedoch erzählt, die ist wahr und die begegnet uns im Frauenhausalltag immer wieder.

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