Die Arbeiterwohlfahrt

Eine historische Kurzbetrachtung

Gründungsjahre

Nach dem 1. Weltkrieg war das Elend der Bevölkerung sehr groß. Im Winter 1918/19 fehlte es an Nahrung und Brennmaterial. Nach der Abschaffung der Monarchie kam es zu gewalttätigen sozialistischen Revolutionen, regelrechten Straßenschlachten und bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

Um der notleidenden Bevölkerung effektiver helfen zu können, gründete die SPD am 13. Dezember 1919 die Arbeiterwohlfahrt, besser gesagt den „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD“, auf Initiative der weiblichen Parteimitglieder.

Marie Juchacz

Marie Juchacz

Marie Juchacz, die Leiterin des Frauensekretariats in der SPD, wurde zur ersten Vorsitzenden der gerade konstituierten Arbeiterwohlfahrt. Noch waren die Verantwortliche aber der Überzeugung, nicht selbst als Träger sozialer Einrichtungen fungieren zu wollen und zu müssen, sondern eher als organisatorischer Zusammenschluss, als „Helfer- und Funktionärsorganisation“.

Dies änderte sich aber sehr schnell, so dass Reichspräsident Friedrich Ebert der AWO das Motto mit auf den Weg gab: „Arbeiterwohlfahrt ist die Selbsthilfe der Arbeiterschaft“. Im Jahre 1926 wurde die AWO als Reichsspitzenverband der freien Wohlfahrtspflege anerkannt.

Aufgrund der Weltwirtschaftskrise waren bald etwa 20 Millionen Menschen auf die Hilfe der AWO angewiesen. Im Jahre 1931 hatte die AWO bereits 135.000 ehrenamtliche Mitarbeiter. Sie unterhielt damals  Volks- und Milchsuppenküchen für Bedürftige, gab Lebensmittel, Bekleidung und Kohle gratis oder zum Selbstkostenpreis ab. Näh- und Kleiderstuben wurden aufgebaut, Wärmestuben eingerichtet  und Hilfsangebote für Obdachlose und Straffällige gemacht. Stadtranderholungsstätten und eine Ferienkolonie für Arbeiterkinder entstanden. Die AWO organisierte Fortbildungsangebote für Wohlfahrtspfleger und schuf Beschäftigungsmöglichkeiten für Arbeitslose.

Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wurde die Arbeiterwohlfahrt sehr schnell verboten und aufgelöst.

 

Neuanfang

AWO historisch - Nähstube

Nähstube

Nach dem 2. Weltkrieg kam es 1946 zur Neugründung der AWO als parteilich unabhängiger Wohlfahrtsverband in Westdeutschland. Nach dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung schlossen sich 1990 in Berlin die Landes- und Bezirksverbände der AWO aus Westdeutschland mit den neu gegründeten Verbänden aus der ehemaligen DDR zusammen.

Der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt verfügt heute über 430.000 Mitglieder, 100.000 ehrenamtliche Mitarbeiter und Helfer und 145.000 hauptamtliche Beschäftigte. Die AWO unterhält über 14.000 Einrichtungen und Dienste in ganz Deutschland.

Die Arbeiterwohlfahrt engagiert sich aber nicht nur für die Bedürftigen in Deutschland, sondern hat im September 1998 die „AWO International“ gegründet. Diese Tochterorganisation wird in Fällen von Krisen und Naturkatastrophen aktiv und leistet humanitäre Hilfe.

Die Maxime der Arbeiterwohlfahrt ist bis heute, dass die Bedürftigkeit des Einzelnen nicht auf sein individuelles Verschulden zurückzuführen ist, sondern die Gesellschaft die Schuld daran trägt. Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sind die Grundsätze, nach denen die Arbeiterwohlfahrt ihre Bemühungen und ihr ganzes Engagement ausrichtet.

Alle Einrichtungen, die nach dem Krieg neu oder wieder aufgebaut wurden, sind in der unmittelbaren Trägerschaft des Verbandes errichtet worden, der auch alle Risiken tragen muss. Darin unterscheidet sich die Arbeiterwohlfahrt von anderen Spitzenverbänden, deren Einrichtungen zum Teil durch Kirchen, Stiftungen und angeschlossene Organisationen mitgetragen werden.

Als Marie Juchacz die Arbeiterwohlfahrt nach dem ersten Weltkrieg gründete, war ihre Idee, dass sich Menschen gegenseitig helfen sollen. Diejenigen, die Unterstützung brauchen, sollen von den anderen nicht allein gelassen werden. Diese Idee spiegelt sich bis heute in den aktuellen Leitsätzen und im Leitbild der AWO wieder.

 

Eine Geschichte –  zwei AWO-Kreisverbände

Im ehemaligen Fürstentum Schaumburg-Lippe und in der Grafschaft Schaumburg waren die Lebensverhältnisse der Bevölkerung nach dem ersten Weltkrieg katastrophal und konnten sich in absehbarer Zeit auch nicht verbessern. Daher erfolgte die Konstituierung eines Wohlfahrtsausschusses der Sozialdemokratischen Partei (SPD) auch in Schaumburg-Lippe und kurze Zeit später in der Grafschaft Schaumburg.

Die AWO in Schaumburg-Lippe

Im Jahre 1922 erfolgte die Gründung des Wohlfahrtsausschusses in Stadthagen. Die AWO begann Spenden zu sammeln und Ärzte behandelten Bedürftige gratis und schon 1925 wurde die Kinderverschickung auf die Insel Rügen aufgenommen.

Von Freiwilligen und ehrenamtlichen Helfern wurden Nähstuben, Wärmestuben und Suppenküchen eingerichtet. Es war ein Versuch, wenigstens das größte Elend zu mildern.

Nach dem 2. Weltkrieg fand bereits im November 1945 das erste Treffen der früheren Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses in Stadthagen statt.  Unter der Federführung von Martha Kreft versorgte die AWO nun heimatlose Ostdeutsche mit Mahlzeiten und Möbeln.  Auch richtete sie sehr schnell eine kleine erste Nähstube in ihrem Haus ein. Im Spätsommer 1946 wurde in der damaligen Mädchenschule (heute Grundschule am Stadtturm) eine neue Nähstube mit sechs Mitarbeiterinnen eröffnet, um für die vielen Mittellosen Kleidung zu produzieren. Ebenfalls 1946 wurde ein zweitägiger Aufenthalt in einem Gasthaus auf dem Bückeberg für etwa 190 Kinder aus Flüchtlingsfamilien organisiert.

Im Jahre 1947 gab es im Kreis Stadthagen schon acht Nähstuben. Die Kinderverschickungen, nun nach Langeoog,  wurden wieder aufgenommen.

Die Mütter- und Kinder-Erholungsfürsorge konnte von bedürftigen Familien in Anspruch genommen werden. Die AWO in Stadthagen bekam dazu von der Stadt jährliche Zuwendungen zur Unterstützung der Familien.

Das ehrenamtliche Engagement veränderte sich, als die Spuren des Krieges immer mehr aus dem Blickwinkel der Menschen verschwanden In den 60er Jahren begann die AWO langsam mit der Seniorenbetreuung. Immer mehr wurden nun  Ausflüge,  Tagesfahrten oder kleinere Urlaubsreisen organisiert.

Im Jahre 1969 wurde im Ortsverein Stadthagen die sogenannten „Klönnachmittage“ eingeführt. Man traf sich wöchentlich in der „alten Lateinschule“ zum Basteln, Spielen und Kaffeetrinken. Bis heute finden die Kaffeenachmittage bei etwa gleichbleibenden Besucherzahlen in Stadthagen im Gebäude der alten Polizei statt.

Bis 1974 verschickte die AWO regelmäßig Pakete in die DDR.

Bis in die siebziger Jahre waren es besonders die Ortsvereine Stadthagen und Bückeburg, die die aktive Wohlfahrtsarbeit leisteten. Der Kreisverband blieb bis zu diesem Zeitpunkt eher im Hintergrund.

Die AWO in der Grafschaft Schaumburg

1924 wurde die AWO in Rinteln gegründet. Rinteln gehörte zu diesem Zeitpunkt noch zu dem AWO-Bezirk Östliches Westfalen. „Als die AWO ihre Arbeit in den zwanziger Jahren aufnahm“, berichtete zum Beispiel Elisabeth Requardt, ,,badeten die Mitglieder des Ortsvereins die Kinder armer Familien und gaben ihnen Milch“.

Nach dem 2. Weltkrieg begann auch die AWO in Rinteln neu mit ihrer Arbeit. Die AWO-Frauen halfen in der städtischen Suppenküche mit und unterstützten die Verteilung der Care-Pakete und der Kleider- und Hausratsammlungen.

Im Sommer 1947 konstituierte sich der Ortsverband der Arbeiterwohlfahrt in Obernkirchen und auch dort wurden jetzt, nach dem Vorbild Rintelns, eine Nähstube sowie eine Beratungsstelle eingerichtet.

Der Rintelner Stadtdirektor Karl Schulz gründete 1948 den Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt Grafschaft Schaumburg mit den Ortsvereinen Hessisch-Oldendorf, Sachsenhagen, Haste, Rinteln, Obernkirchen und den Stützpunkten Engern, Todenmann und Rumbek. Das Büro des Kreisverbandes befand sich in der Rintelner Bäckerstraße 61. 1964 erfolgte der Umzug auf den Kirchplatz 4 und seit 1979 ist das Beratungszentrum Rinteln auf dem Kirchplatz 9 zu finden.

Auch der Kreisverband Grafschaft Schaumburg kümmerte sich nach dem 2. Weltkrieg besonders um die ostdeutschen Flüchtlinge. Weitere Schwerpunkte waren die Kinder-, Mütter- und Seniorenkuren, die regen Zuspruch erlangten. In Kooperation mit anderen Wohlfahrtsverbänden wurden die Kinderkuren hauptsächlich auf Langeoog durchgeführt, die Mutter-Kind-Kuren führten meistens nach Altenau im Harz und die Seniorenkuren nach Baiersbronn im Schwarzwald.

 

Der Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Schaumburg

Am 1. August 1977 wurde im Schaumburger Land eine Kreisreform durchgeführt. Aus dem Landkreis Schaumburg-Lippe und der Grafschaft Schaumburg entstand der neue Landkreis Schaumburg.

Auf einer Konferenz der Arbeiterwohlfahrt am 18. Februar 1978 wurde einstimmig die Fusion beider Kreisverbände zum „Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Schaumburg“ beschlossen. Die AWO in Rinteln fungierte ab jetzt als Ortsverein.

Seit 1977 existierte bereits ein kleines Büro des Kreisverbandes Schaumburg-Lippe in Stadthagen in der Echternstraße 14. Nach der Fusion wurde sie zur AWO Geschäftsstelle des neuen Kreisverbandes. In den Räumlichkeiten des Ortsvereins Rinteln gab es fortan eine Außenstelle. Ende der siebziger Jahre wechselte das Stadthäger Büro mehrmals den Standort.  Zum Personal gehörten damals eine ABM-Kraft für die Büroarbeit sowie zwei Honorarkräfte. Der Kreisverband stand lange im Schatten der Ortsvereine und überließ ihnen die meisten Aufgaben. Dieses änderte sich nun mit der Einstellung der ersten hauptamtlich Beschäftigten und der stetigen Etablierung der professionellen Sozialarbeit.

So gehörte bald die Schwangerschaftskonfliktberatung in Stadthagen, Bückeburg und Rinteln, die Kurberatung, die Sozialberatung und die Ausländerberatung zu den Arbeitsschwerpunkten des Kreisverbandes. Die Ortsvereine konzentrierten sich weitgehend auf ehrenamtliche Betreuungsaufgaben, insbesondere in der Seniorenarbeit.

Im Jahre 1984 zog der AWO Kreisverband in die Räumlichkeiten in der Rathauspassage 4 in Stadthagen, wo er bis heute seinen Sitz hat. Seitdem hat die AWO in Schaumburg sich stetig weiterentwickelt und ist heute ein verlässlicher und unverzichtbarer Partner im sozialen Netzwerk in Schaumburg.

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