22 Juni 2021

Ankommen in Schaumburg

Flüchtlingssozialarbeit unter Pandemiebedingungen

Es ist Donnerstag, gegen 10:30 Uhr. Mustafa Mohamad, Sozialbetreuer im Erstaufnahmeteam der AWO, wartet am Bahnhof in Stadthagen auf den Regionalexpress aus Braunschweig:
Eine alleinerziehende syrische Mutter mit ihren zwei Kindern aus der Landesaufnahmebehörde wird nach Schaumburg „zugewiesen“. Nach einer kurzen Begrüßung und Vorstellung geht es im AWO-Buli zur Kreisverwaltung.

Im Sozialamt wird der Antrag auf Leistungen nach dem AsylblG gestellt. Unter Pandemiebedingungen keine leichte Aufgabe. „Im Vorfeld haben wir die Antragsformulare bereits vorbereitet und jetzt werden nur einige wichtigen Daten ergänzt,“ erläutert Mustafa Mohamad. Von der Sachbearbeiterin im Sozialamt wird ein Auszahlungsschein vorbereitet, der danach bei der Kreiskasse eingereicht wird. Es folgt ein kurzer Einkauf der nötigsten Lebensmittel und die Unterbringung in einer Übergangswohnung im Kreisgebiet.
Mitunter zeigt sich Enttäuschung, wenn die Unterbringung sehr dezentral erfolgt. Dieses System ermöglichte außerhalb von Corona ein großes ehrenamtliches Engagement der Unterstützerkreise vor Ort. Die Pandemie sorgt hier für eine große Lücke und führt zum Teil zur örtlichen Isolation der Geflüchteten.

Damit die kleine Familie überhaupt in die Übergangswohnung einziehen kann, hat AWO-Sozialbetreuer Mohamad Aboueisha entsprechende Vorbereitungen getroffen: Die Unterkunft wurde im Vorfeld in Augenschein genommen, über die Gemeinde und das Sozialamt fehlende Einrichtungsgegenstände organisiert, eingelagerte frische Bettwäsche von der Schaumburger Beschäftigungsgesellschaft besorgt und geprüft, ob Herd und Waschmaschine funktionieren. „Seit der Pandemie dauert alles länger“, berichtet Mohamad Aboueisha, „spezielle Abholungs- und Besichtigungstermine müssen koordiniert werden. Wenn dann noch Handwerkertermine dazu kommen, kann es kritisch werden, den Zeitplan einzuhalten. Gegebenenfalls muss dann über das Sozialamt eine Alternative zur Unterbringung gesucht werden“ – unterm Strich ist lösungsorientiertes Handeln die Hauptaufgabe des Zuweisungsteams der AWO.

Am nächsten Tag müsste eigentlich die Anmeldung im Einwohnermeldeamt und in der Ausländerstelle vonstattengehen. Auch hier gibt es jetzt in der Regel nicht einfach einen Termin. Telefonisch wird Kontakt aufgenommen, das Prozedere besprochen und nötige Unterlagen und Anträge über den Briefkasten eingereicht. Oftmals dauert es Tage, bis die „Neubürger“ notwendige Dokumente in den Händen halten können.
Im Rahmen der Erstorientierung werden in den darauffolgenden Tagen die Anmeldungen für Schule und Kindergarten organisiert, gegebenenfalls Arztbesuche vereinbart, die aktuellen Corona-Regeln und die Mülltrennung erklärt – „Alles mit Maske, einem strengen Hygienekonzept und möglichst viel Abstand“, betont AWO-Geschäftsführerin Heidemarie Hanauske.

Nach einer mehrwöchigen Erstorientierungsphase, in der die Menschen die ersten Erfahrungen mit der „Schaumburger Lebenswirklichkeit“ gemacht haben, sich etwas einleben konnten und orientiert haben, folgt der nächste Schritt im Integrationsprozess. Ein abgestimmter und nahtloser Übergang erfolgt dann vom Zuweisungsteam zu den Flüchtlingssozialarbeiter*Innen in den AWO-Beratungszentren für Zuwanderer in Stadthagen, Bückeburg, Rinteln und
Bad Nenndorf oder den Beratungsbüros in Hagenburg, Obernkirchen und Rodenberg.

Pandemiebedingt gibt es aber auch dort zurzeit nur in äußersten Notfällen und unter strengen Hygieneauflagen die sogenannten “Face-to-Face“-Beratungen. In der Regel wird auf anderem Wege kommuniziert: Am Telefon, per E-Mail oder Nachrichten-App „Signal“, über den Hausbriefkasten oder mit viel Abstand auch mal am offenen Fenster.

Im Sinne der „Hilfe zur Selbsthilfe“ bekommen die Menschen dort die weiterführende Unterstützung, die sie benötigen. Diese ist sehr vielschichtig. „Oftmals geht es um Fragen zum Leistungsrecht, Aufenthaltsgesetz, der sprachlichen oder beruflichen Integration, aber auch die psychosoziale Beratung gehört zu unserem Aufgabenfeld,“ berichtet AWO-Fachbereichsleiter Stephan Hartmann.

„Ob nichtverstandene Briefpost, Probleme beim Home-Schooling, Konfliktschlichtung, ausgefallene Sprachkurse, fehlende Unterlagen für das JobCenter und Unterstützung bei der Wohnungssuche – das ist nur eine kleine Aufzählung des täglichen Beratungsalltags,“ berichtet Annika Broyer, Migrationsberaterin in Bückeburg.

Nicht viel anders sieht es bei der Betreuung in den lankreiseigenen Gemeinschaftsunterkünften in Bückeburg und Rinteln aus. Auch dort stehen die AWO-Flüchtlingssozialarbeiter*Innen mit Rat und Tat zur Seite.

Jan Krause, verantwortlicher Sozialarbeiter in der Unterkunft „Herderschule“, freut sich, dass der Corona-Ausbruch in der Einrichtung in engster Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt und dem DRK so „glimpflich“ abgelaufen ist. Die AWO organisierte in der Zeit der 14-tägigen Quarantäne einen Einkaufsdienst für die Bewohner*Innen und unterstützte telefonisch mit Dolmetschertätigkeiten bei den Corona-Tests. „In vielen persönlichen Telefongesprächen haben wir alle Bewohner*Innen über die Situation aufgeklärt und standen die ganze Zeit im engen Kontakt mit ihnen“, erzählt Sozialbetreuer Hammadi Hammami. „So konnten Ängste abgebaut und Verständnis für die behördlichen Maßnahmen erzeugt werden“.

„Die geleistete Beratungsarbeit in den letzten Monaten ist für alle Kolleg*Innen immer eine Gradwanderung hinsichtlich der fortschreitenden Infektionswelle,“ so Stephan Hartmann. „Deshalb musste viel im „Mobilen Arbeiten“ mit Dienstlaptop und Handy erledigt werden. Die Gesundheit der Mitarbeitenden hat bei der AWO höchste Priorität“, betont Heidemarie Hanauske.
Ein Blick auf die Statistik zeigt den geleisteten Arbeitsaufwand: Die 23 Beschäftigten im AWO Fachbereich Integration hatten alleine in den ersten Monaten dieses Jahres über 13.100 Klienten-Kontakte.
Finanziert wird die Sozialarbeit vom Landkreis Schaumburg, dem Land Niedersachsen und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

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